Joyclub Dating 2.0 Teil 2

 

Ich traf mich also mit dem Profiltextdieb zum Abendessen. Ist jetzt nicht unbedingt meine Idealvorstellung für ein erstes Treffen, weil das lange dauert, weil man direkt viel Geld ausgeben muss und weil man überhaupt etwas finden muss, auf das beide Lust haben. Aber ich wusste, dass ich an dem Tag bis kurz vorher unterwegs war und es nicht schaffen würde, vorher zu essen. Also war das einfach praktisch. Er schlug eine Reihe teurer und exklusiver Restaurants vor … „da geht nur die High Society hin … und da kommt man ohne Reservierung gar nicht erst rein … das sieht von außen immer sehr exklusiv aus … die haben in irgendeiner Show gewonnen … blabla.“ Ich entschied mich am Ende für irgendeinen Griechen. „Da ist das sehr familiär. Es schmeckt großartig und ist recht günstig. Aber ich weiß nicht, ob es das Richtige ist, um eine schöne junge Dame auszuführen.“ Passt schon. Ich wollte weder selbst zu viel Geld für irgendein Essen zahlen, was am Ende schlecht läuft und womöglich langweilig wird, noch wollte ich mich von ihm zu einem teuren Essen einladen lassen, wenn ich ihm an Ende langweile.

 

Wir trafen uns vor dem Griechen. Er war groß, hatte schöne Arme, aber irgendwie ein komisches Gesicht. Er war freundlich, höflich und stinklangweilig. Und starrte bei jeder Gelegenheit auf meine Brüste. Da war nicht mal was zu sehen, weil ich gar keinen Ausschnitt trug. Er redete wahnsinnig langsam. Ich rede im Gilmore Girls Tempo und bei ihm klingt das so, als ob irgendwer die Slow-Taste betätigt hätte. Er hatte Mathe, Physik und noch irgendwas anderes abgedrehtes studiert, promoviert und arbeitete nun für irgendein Unternehmen. Daher war er unter der Woche in einer anderen Stadt und am Wochenende in meiner. Auch nicht so ideal. Das Essen war lecker. Er bestellte zwei große Bier und trank am Ende auch noch meinen Ouzo, weil ich zu dem Zeitpunkt auf Alkohol verzichtete und sprach dadurch wohl etwas schneller. Aber immer noch halb so langsam wie ich. Insgesamt war es also durchwachsen. Wir verabschiedeten uns, er bot nicht mal an mich nach Hause oder zur Bushaltestellte zu begleiten (das fällt mir nur auf, weil er der Erste war, der das nicht gemacht hat), wollte dafür aber Handynummern austauschen, was ich ablehnte und machte mir im Weggehen noch ein Kompliment für mein Outfit.

Am nächsten Tag hatte ich eine lange Mail von ihm. Ich erwartete eine ausführliche Erklärung darüber, warum wir das nicht wiederholen sollten. So etwas steht ja meistens in langen Nachrichten. Stattdessen ging er detailliert auf mein Aussehen ein und was ihm daran alles gefallen hat. In der Mail waren sicherlich zehn Komplimente. Puh. Nett war das. Übertrieben aber auch. Ich antwortete erstmal nicht. Noch nicht. Schließlich verdiente eine lange Mail auch eine lange Antwort. „Ich hoffe, dass ich damit nicht zu dick aufgetragen und dich vertrieben habe.“ Schickte er noch hinterher. Doch, eigentlich schon. Nachdem mir auch nach zwei Tagen nichts eingefallen war, was ich darauf erwidern könnte, bedankte ich mich einfach nur. „Ich mache gerne Komplimente, wenn es an die Richtigen geht. Ich würde dich gerne am kommenden Samstag wieder sehen.“ Ach Gott. Wie komme ich da bloß wieder raus. Wie vergibt man einen Korb an jemanden, der doch eigentlich so nett ist? Andere würden ihn einfach ghosten, aber das ist mies. Ich habe ebenfalls gar nichts gemacht. Ok doch. Ich habe zugesagt, weil ich nicht wusste, was ich sonst machen sollte.

 

Außerdem dachte ich mir, dass ich ihn ja vielleicht bei einem zweiten Treffen etwas anziehender finden könnte. Wer weiß. Also stand ich eine Woche später vor seiner Haustür. Wir wollten was Essen. Weil ich noch keinen Hunger hatte, sollte ich erstmal zu ihm kommen, um dann zu überlegen, ob wir was kochen, bestellen oder Essen gehen. Ich stand vor einem Wohnheim. Genau an der Pokémon Arena, die ich seit Tagen versuchte Gold zu färben. Mist. Ich musste immer durch den Hinterhof laufen, wenn ich zur nächsten Arena wollte. Und da wohnte der also? Hoffentlich würde das am Ende nicht schlecht ausgehen, sonst würde ich die nie Gold bekommen.

 

Ich fand seine Klingel nicht und schrieb, dass ich nun da war. Die Tür ging auf, ich lief die paar Stockwerke hoch und er begrüßte mich schon im Treppenhaus. Hmm … letztes Mal entschied er sich für ein Hemd. Heute trug er ein T-Shirt und wirkte nun noch unattraktiver auf mich. Das hatte schon mal nicht geklappt. Wir liefen in die Küche und beim Betreten der Wohnung konnte ich in ein Zimmer sehen. Das war extrem hässlich eingerichtet und in der Ecke stand ein Einzelbett. Hoffentlich war das nicht sein Zimmer. Doch, natürlich war das sein Zimmer. Wozu auch eine teure Wohnung suchen, wenn er eh nur am Wochenende in der Stadt war und sonst in schicken Hotels wohnt. Ich sehnte mich schon jetzt nach meinem wunderschönen Zimmer.

 

Wir entschieden uns dafür einen Film zu gucken bis ich Hunger bekam und dann entweder etwas zu bestellen oder zu holen. Weil er den Jugendcode für den Account nicht kannte, konnten wir den eigentlichen Film nicht schauen und ich schrie auf, als ich „Findet Dorie“ in der Liste sah. Den wollte ich schon lange sehen und hatte die perfekte Länge. Also machte er den Film an und wir saßen beide auf seinem Einzelbett. Auf der langen Seite. Mit Abstand dazwischen. Nicht auf der kurzen. Und es passierte nichts. Zum Glück. Denn den Film wollte ich wirklich sehen und außerdem fand ich ihn weiterhin nicht ansprechend. Irgendwann knurrte mein Magen und seiner auch. Der Film war zu Ende und ich musste das hier auch irgendwie zu Ende bringen. Aber ich hatte Hunger. Und er auch. Also beschlossen wir, was zu essen. „Wir können ja was bei der Pizzeria um die Ecke holen gehen und hier dann noch einen Film gucken.“ „Wir können das auch einfach dort essen.“ „Ja, können wir auch.“ Da würde ich leichter eine Ausrede finden, um nach Hause zu gehen. Aber die brauchte ich gar nicht. Wahrscheinlich bestrafte mich auch das Karma, dass ich das hier überhaupt unnötig in die Länge zog, aber ich biss auf irgendwas Hartes und hatte Zahnschmerzen und dadurch Kopfschmerzen. Und er hatte keine Schmerztabletten Zuhause. Aber ich. Also war die logische Konsequenz, dass ich nach Hause gehen muss. Das Essen war extrem … still. Ich stellte oberflächliche Fragen, er erzählte. Und stellte keine Gegenfragen. Und dann werde ich extrem passiv und habe keine Lust auch nur irgendwas zu erzählen, weil ich denke, dass es meinen Gegenüber eh nicht interessiert. Sonst würde er ja nachfragen.

 

Also verabschiedeten wir uns. Wieder bot er nicht an, mich zur Bushaltestelle oder nach Hause zu begleiten. Wieder schrieb er mir eine detaillierte Bewertung zu meinem Outfit (was ist nur los mit dir?). Und wieder wollte er diesen schönen (?!) Abend wiederholen. Am liebsten schon am nächsten Tag. Aber ich hatte andere Pläne. Er schrieb mir weiterhin. Meine Antworten waren knapp. Er schickte mir Bilder von seinem Hotel und schrieb mir, wie schön es wäre, wenn ich da jetzt in seinem großen Bett liegen würde. Ich antwortete, dass ich krank bin und ging nicht weiter darauf ein.

 

Tage später war ich wieder gesund, stand unter der Dusche und beschloss, dass jetzt der Tag gekommen war, an dem ich ihm einen Korb geben musste. Als ich auf mein Handy schaute, war eine Nachricht von ihm da. Er will mich wiedersehen, aber er ist sich nicht sicher, ob ich das auch will. Uh, der machte mir das jetzt aber besonders leicht. Also antwortete ich, dass ich das nicht will. Aus diversen Gründen. Und er bedankte sich dafür, dass ich so ehrlich bin und er jetzt Sicherheit hat. Wenn das immer so friedlich und höflich ablaufen würde, hätte nie jemand dieses dämliche Ghosting erfunden.

11 Gedanken zu “Joyclub Dating 2.0 Teil 2

  1. Oh Gott, das klingt ja gruselig! Warum hast du das nicht schon nach dem ersten Date geklärt? Es ist doch nichts dabei zu sagen dass man einen netten Abend hatte, es aber nicht passt (oder was auch immer) und deshalb nicht wiederholt werden sollte. Für alles andere wäre mir meine Lebenszeit zu schade. 😁

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    1. Ich habe es in der ersten Sekunde als ich bei ihm angekommen bin schon bereut. Aber mein Hirn macht immer mal wieder einen kleinen Aussetzer und dann tippen meine Finger „ja okay“ statt „nee, lieber nicht“. Und dann rutsch ich da immer so rein :D

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  2. Ist mir auch schon passiert, dass ich quasi „aus Versehen“ so reingerutscht bin …
    Bei Joyclub gibt es ja alles mögliche an Kandidaten, grundsätzlich hatte ich da aber kein Glück und fand es insgesamt auch gruselig, wie sich da die Männer benehmen.
    Ich denke, es ist eine gute Idee, nicht gleich am ersten Abend miteinander Sex zu haben. Zu oft war’s das nämlich dann, da ist was wahres dran …

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    1. Ja, das hattest du ja schon berichtet.
      Ich hab da viele gute Erfahrungen gemacht. Nur in letzter Zeit häufen sich die „mal eben nach nem Kick oder Abenteuer suchen“-Leute extrem. Und die muss man eben aussortieren.

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