Das 5 Minuten Date

Es ist einer dieser nervigen Freitage, wo man den ganzen Tag am Schreibtisch sitzt, um noch etwas fertig zu bekommen. Ich hätte locker noch zwei bis drei Stunden länger sitzen bleiben können, habe aber noch ein Date. Ein Date, auf das ich eigentlich keine Lust habe. Ich überlege, ob ich absage, aber Freitagabend ist mies. Vor allem so eine Stunde davor. Und außerdem hat er mindestens 40 Minuten Anfahrt. Das ist ja noch mieser. Das kann man nicht machen. Also raffe ich mich auf, lasse die Arbeit liegen und bereue es, als ich mir meine Jeansjacke schnappe und nach draußen gehe, denn es ist warm und ich fange sofort an zu schwitzen.

Wir wollen uns vor dem Wahrzeichen der Stadt treffen. Sein Vorschlag. Nicht meiner. Mir ist es da immer etwas zu voll und dann steht man blöd rum, ruft 100 mal an, weil man sich nicht finden kann, aber egal. Direkt darunter befindet sich die Tiefgarage, wo er wahrscheinlich parken will.

Ich komme an und 1000 Menschen stehen davor. Ich sehe ihn nicht. Aber die Arena ist fast down, also nehme ich sie ein. In der Zwischenzeit bekomme ich eine Nachricht. Er sitzt auf der Treppe und wartet. Ich gehe hin und finde ihn nicht. Wahrscheinlich ist er schon wieder aufgestanden und sucht nach mir. Ich sag ja. Dämlicher Treffpunkt.

Dann läuft ein Mann auf mich zu und ich denke: „Bitte nicht der!“ Ich hatte zwar Fotos, aber die waren schwarz-weiß und bestimmt auch schon zehn Jahre alt. Aber Freitagabend und so. Ich hatte eh nichts Besseres zu tun. Außer arbeiten und Eis essen gehen. Also doch.

 

„Bist du Lucy?“, fragt mich der Mann und ich nicke. Und sehe nicht glücklich aus. Verdammt. Der Mann auf dem Profilbild sah ganz anders aus. Der Mann vor mir ist ein 1,80m großer Lauch und ich weiß, dass das sinnlos ist. Das wird nichts. Aber kann ich einfach sagen: „Yo! Wird nichts. Geh weg!“? Nein. Kann ich nicht. Sagt man nicht, dass man mindestens eine Kaffeelänge bleiben sollte? Das sind nur 30min. Die kann ich ja wohl aufopfern.

Also frage ich, wo wir hingehen, will sofort loslaufen. Weg von den ganzen Touris, aber er ist sehr langsam. Beim Gehen und beim Reden. Das hasse ich. Sehr. Ich bin mit den Gilmore Girls aufgewachsen. Wenn ich rede, versteht mich nicht mal meine Mutter, weil es ihr zu schnell ist. (Und weil ich nicht so schreie wie ihre Landsleute).

„Du kennst dich hier besser aus. Schlag was vor!“, sagt er und ich schlage etwas vor. Kommentiere den ganzen Weg, erzähle, wo etwas frei sein könnte und wo es voll ist. Als wir in eine Straße abbiegen, höre ich ihn ganz langsam sagen: „Ja, genau. Dann gehen wir hier am besten rein“, während ich schon halb in der Straße bin. Ich verdrehe die Augen. Das geht nicht gut aus. Er nervt mich jetzt schon und ich habe keine Lust, dass mich Menschen sehen, die mich kennen und dann stehen bleiben und fragen, wer das ist. Ich überlege fieberhaft, wie ich ihn loswerden könnte. Ich überlege mir etwas. Von wegen niemandes Zeit verschwenden usw. aber noch nicht jetzt. Gleich vielleicht.

Er sagt nichts, murmelt immer nur sehr langsam etwas vor sich her und jedes Mal will ich mir etwas gegen den Kopf schlagen, weil ich das alles so furchtbar finde.

Als wir ungefähr zwei Minuten gelaufen sind, bleibt er stehen und sagt: „Ja genau. Hier können wir langgehen und hier können wir kurz stehen bleiben.“ Ich will schreien, dass ich doch eben schon gesagt habe, dass wir hier langgehen können, aber dann spricht er weiter. Langsam.

„Wir können uns hier auch verabschieden. Ich merke, dass du nicht so begeistert bist. Du bist eben auch von mir weggegangen. Es passt nicht. So gar nicht. Und das ist auch nicht schlimm.“ Ich atme erleichtert auf. Endlich mal etwas, was mich nicht aufregt. Wir verabschieden uns, wünschen uns alles Gute und gehen in getrennte Richtungen.

Ich hole meine Mitbewohnerin Zuhause ab und wir gehen zusammen Eis essen. So war der Freitagabend nicht ganz so verschwendet. Und für das nächste Mal merke ich mir: Scheiß auf die Anstandskaffeelänge.

Der Dreier – Teil 2

Was sollte ich denn jetzt tun? Ich blieb erstmal auf dem Sofa sitzen. Schließlich musste ich den Jodel noch lesen und versuchte gleichzeitig angestrengt zu hören, ob er alleine war oder nicht. „Ja … und das ist die Wohnung.“ „Schick …“ Okay. Er war nicht alleine. Verdammt! Damit hätte ich jetzt wirklich nicht gerechnet. Der Fremde kam den langen Flur entlang (die Wohnung war wirklich riesig. Und schick) und blieb dann vor dem Sofa stehen, auf dem ich saß.

 

Er guckte mich an. Ich guckte ihn. Er hatte einen extremen Sonnenbrand. Aber nun gut. Ansonsten sah er gut aus. Wirklich gut. Habe ich gut ausgewählt. Er sah mich jetzt zum ersten Mal und ich war überhaupt nicht sicher, ob er mich denn auch gut finden würde. Vielleicht hielt er das ja auch alles für einen Scherz so wie ich. Vielleicht würde er ja auch gleich sagen, dass er sich das doch anders überlegt hätte, weil er sich wen anderes vorgestellt hat und würde wieder gehen. Wer weiß.

 

Aber dann sagte er mir seinen Namen, den ich sofort wieder vergaß. Ich sagte ihm meinen, den er bestimmt auch sofort wieder vergaß und dann fragte er (nennen wir ihn einfachhaltshalber mal Mr. Riese. Denn er ist groß. Extrem groß. Bestimmt über 2m), ob Mr. Sonnenbrand etwas trinken möchte. Ja, wollte er. Und dann standen die da so an der Küchenzeile und ich saß auf dem Sofa davor. Und das war komisch. Die Beiden unterhielten sich kurz über die Wohnung und wie schick die doch war. Wie damals immer, wenn Väter auf andere Väter treffen als sie einen vom Spielen abgeholt haben und dann erstmal über Autos oder das Wetter gesprochen haben. Sehr komisch. Ich habe mir noch überlegt, ob ich den Jodel jetzt zu Ende lesen könnte, bis Mr. Sonnenbrand mich dann doch direkt angesprochen hat.

 

Und dann haben wir kurz geredet, bis ihm aufgefallen ist, dass ich ja so weit weg sitze. „Ihr habt euch dahin gestellt. Das war ich nicht.“ „Ja, stimmt.“ Und dann hat sich Mr. Sonnenbrand neben mich auf das Sofa gesetzt. Und er hatte wirklich sehr starken Sonnenbrand im Gesicht. Bestimmt war das auch total warm, wenn man da drauf fassen würde. Und dann setzte sich Mr. Riese auch und ich rutschte in die Mitte. Und wieder unterhielten sich die Beiden über Autos oder Raketen oder über das Baum schubsen bis Mr. Sonnenbrand bemerkte, dass ich da nicht mit reden konnte. „Jetzt unterhalten wir Beide uns nur, dabei bist du doch heute Abend im Mittelpunkt.“ Äh ja? War das so? „Was hast du dir denn vorgestellt?“ „Eigentlich gar nichts.“ „Also ich komme hier her und dann … ?“ „Ich habe bis zu dem Moment gedacht als du zur Tür rein bist. Weiter habe ich mir das nicht vorgestellt.“ Und so war das ja auch. Ich hatte nie damit gerechnet, dass das tatsächlich irgendjemand Ernst nehmen würde. WIRKLICH NICHT! Aber jetzt saß ich da halt auf dem Sofa. Jetzt musste ich ja mitmachen.

Der Dreier – Teil 1

Wir schreiben das Jahr 2018. Ich erhalte eine Nachricht von einem Bekannten. „Bin demnächst mal wieder in der Stadt. Hast du Lust mich zu treffen?“ Ich kann ihn nicht direkt zuordnen, weil das letzte Treffen bereits über ein halbes Jahr her ist, aber bei dem Wort „Sushi“ fällt der Groschen. Ich frage, was ihm so vorschwebt. „Wir könnten in einen Swingerclub gehen.“ Puh … Swingerclubs und ich sind jetzt ja nicht so die größten Freunde. „Oder wir könnten mehrere Männer einladen. Für dich. Ich weiß ja, dass du erstmal keine weiteren Frauen willst.“ Stimmt. „Wohin einladen?“ „Ich organisier da schon was.“ „Und wo willst du die auftreiben?“ „Ich schalte eine Anzeige.“ „Okay. Mach mal.“

 

Er schaltete also eine Anzeige. Ich gab ihm eine Altersgrenze vor (25-38) und er verlangte von den „Bewerbern“ normale Fotos, die er mir weiterleitete. In den nächsten Tagen hatte er um die 1000 Mails und ich um die 50. Die richtigen Idioten, die Sachen wie „ich kann es die ganze Nacht tun. Das wird sie auf keinen Fall bereuen“ schrieben, sortierte er direkt aus. Die Fotos von alten Männern schickte er mir als Scherz trotzdem. Genau so die Fragen, wo sie mir denn überall hinspritzen könnte, ob ich auch kniehohe Lackstiefel dabei tragen könnte und ob sie das Ganze filmen könnten. Denen durfte er dann auch direkt eine Absage schicken.

 

Es blieben genau zwei Männer. „Bei den beiden hatte ich auch ein gutes Bauchgefühl.“ Ich kannte nur die Fotos. Sie kannten kein Foto von mir. Ich war mir eigentlich auch ziemlich sicher, dass sie entweder in letzter Sekunde abspringen würden oder gar nicht erst auftauchen.

Aber er blieb zuversichtlich. Da er sowieso irgendwo übernachten musste, mietete er sich in eine recht große und schicke Airbnb Wohnung ein. Er holte mich gegen 21 Uhr Zuhause ab, ich hatte genügend Zeit, um die Wohnung zu inspizieren (wirklich schick!) und gegen 22 Uhr hatte er die Männer vor die Tür bestellt.

 

Tatsächlich sagte einer kurz vorher ab. Der andere bestätigte noch mal, dass er kommen wollte. Kurz vor 22 Uhr ging er nach unten, um den Fremden in Empfang zu nehmen und verabschiedete sich mit „Mal sehen, ob jemand kommt!“ von mir. Ich dachte immer noch nicht daran, dass er gleich mit wem nach oben kommen würde und widmete mich den Jodeln aus der Nähe. „Er ist jetzt unterwegs und kommt in ein paar Minuten. Ich warte so lange hier unten“, las ich dann in der Nachrichten-Vorschau.

Hui … wurde das hier also langsam ernst?

 

Ich las gerade einen spannenden Jodel von irgendeiner 21-Jährigen Lisa, die ihren ersten ONS bereute als die Tür aufging …

„Findest du das eklig?“

Aus irgendeinem Grund ließ ich mich auf ein zweites Date mit dem letzten JC Typen ein. Er schrieb mir zwar nicht regelmäßig, aber dafür beständig. Wir hatten uns auch schon viel früher verabredet und zwar bei mir, aber dann kamen meine Tage dazwischen. Danach war ich für ein paar Wochen nicht da und dann hatte ich einfach keine Lust. Nachdem ich das letzte Mal nicht auf sein Selfie reagierte (wozu auch?!) dachte ich eigentlich, dass sein Interesse inzwischen verflogen sei. Aber nein. Wieder fragte er. Wieder hatte ich meine Tage. „Egal, wir können ja auch was anderes machen.“ Okay. Das Wetter war schön. Da könnte man ja mal am Fluss spazieren gehen oder sich in die Sonne legen.

 

Weil Vater- und Muttertag unmittelbar bevor standen, schleppte ich vorher noch ein schweres Paket zur Post und stand ca. 20 min. lang in der viel zu heißen Filiale. Ich verspätete mich also, teilte ihm meinen Standort mit und bekam irgendwann einen Anruf, dass er mich nicht finden könnte. Als ich seine Stimme hörte, hatte ich schon keine Lust mehr. Als er mir dann auf dem Fahrrad entgegen wackelte, wollte ich direkt die Flucht ergreifen. War der letztes Mal auch schon so … gammelig? Er trug ein ausgeleiertes T-Shirt, eine noch ausgeleierte kurze Hose aus Jogginghosenstoff und seine Schuhe waren extrem schmutzig. Dagegen kam ich mir in meinem schwarzen Kleid total overdressed vor.

 

Und dann liefen wir los und ich bedauerte, dass ich keine Kleidtaschen hatte, in denen ich mein Handy verstecken konnte, um nebenbei Pokémon zu spielen. Dann wäre das vielleicht nicht so eine große Zeitverschwendung gewesen. Aber zumindest eine Höflichkeitsstunde konnte ich ja für ihn aufbringen. Schließlich quetschte er mich auch höflicherweise zwischen Mittag- und Abendsport. Er erzählte irgendwas. Von seinen letzten Dates mit irgendwelchen „girls“, aber die liefen nicht so. Die waren furchtbar anstrengend, weil die nichts zum Gespräch beigetragen hatten. Ich gerade auch nicht, weil ich mir kaum Mühe gab. Wieso fand er das nicht mit mir anstrengend?

 

Er drängte mich immer runter vom Gehweg, so dass ich auf dem unbequemen Schotterweg laufen musste. Wahrscheinlich wollte er, dass ich ganz dicht neben ihm ging, um irgendwann unbemerkt meine Hand nehmen zu können. Aber nein. Stattdessen lief ich immer nur unbemerkt gegen seine Arme, die furchtbar kratzten, weil er die wegen seiner Tattoos rasierte und da waren jetzt Stoppel.

Irgendwann erreichten wir einen Park und meine Füße taten weh und ich wollte nicht weiter laufen. Also setzten wir uns auf eine Bank. Und dann plauderte er weiter, erzählte irgendwas von irgendwelchen Bands und DJs, die ich nicht kannte und sagte dann den schlimmsten Satz, den man wohl sagen kann: „Erzähl mal was!“ Ich wollte am liebsten aufstehen und gehen. Stattdessen trank ich was. Und dann fiel ihm auf, dass es schon spät war und er ja bald zum Sport müsste. Zum Glück.

 

Wir liefen los. Er erzählte weiter aus seinem Leben. Dass er jetzt wieder Sport treiben würde und auf Süßigkeiten und Koffein verzichtet usw. Weil er auf seine Gesundheit achtet? Nein, weil er damit wahnsinnig viel Geld im Monat spart und momentan ja so wenig reinkommt. Und dann erzählte er weiter, was so alles schief läuft bei ihm momentan und keine Ahnung. Es ist nicht sexy, wenn mir ein Mann, den ich kaum kenne, erzählt bzw. prahlt, wie viele 10k er im Monat macht. Aber wenn mir jemand beim zweiten Date erzählt, wie wenig er gerade macht, dann ist das auch nicht sexy. Überhaupt ist Geld kein Thema, was man so früh anschneiden sollte.

 

Und dann … ja dann holte er tief Luft und zog seine Rotze von ganz unten hoch und spuckte sie weg. Schockiert schrie ich „iiih!“. Wieso? Wozu? Was soll das? Ich beschleunigte meinen Gang. Er kam kaum hinterher. „Findest du das eklig?“ „Jaa!“ „Wieso?“ „Weil das eklig ist.“ „Sowie Sperma?“ Wo kommt das auf einmal her? „Findest du Sperma auch eklig?“ Ich lief noch schneller. „Und? Findest du?“ „Jaa…“ „Und Muschisaft?“ Hilfe? Ich lief noch schneller. „Wieso läufst du so schnell? Ich komme kaum hinterher.“ „Vielleicht weil ich ganz schnell von dir wegkommen will.“ Und dann blieb er stehen und schaute sich die Stelle unten am Fluss an und kam wenig später zu mir angerannt. „Da unten ist eine super Stelle für Outdoorsex.“ Ja, aber die werde ich mit dir niemals ausprobieren.

 

Und dann entdeckte ich endlich die rettende Treppe, die mich zur Straße führen würde. Knapp einen Kilometer zu früh, aber egal. Ich wusste ja, dass er noch weiter musste, weil da sein Fahrrad stand. „Also ich muss jetzt da hoch!“ Fand er zum Glück gar nicht seltsam und wollte mich umarmen und dass ich meine Arme auch um ihn lege. Aber nein. Ich verabschiedete mich knapp, reagierte nur mit einem „jaja“ als er meinte, dass ich mich melden soll und nahm dann die Arena oben auf der Treppe ein. Diese Stunden sollten ja nicht komplett in einer Katastrophe enden.

Aller guten Dinge sind drei

Aller guten Dinge sind drei und natürlich möchte ich euch auch nicht das letzte neue Joyclub Date vorenthalten. Er war ungefähr so alt wie ich, kam aus meiner Stadt und war ständig krank und wahnsinnig spontan.

 

Manchmal kamen kryptische Nachrichten wie „wie steht’s?“ an, womit er ausdrücken wollte, dass er nun Zeit hat und wir uns nun treffen können. Ich bin eine Frau von vielen Worten und komme damit nicht klar. Also klappte das mit einem Treffen für ca. einen Monat nicht. Immer wieder machten wir einen Tag aus, aber ich gehöre nicht zu den Leuten, die sich dann den ganzen Tag nichts vornehmen und darauf warten, dass der andere endlich antwortet, sondern nehme mir was anderes vor, wenn irgendwer zuerst fragt. Und so war ich dann schon immer verplant, wenn er gegen 20 Uhr schrieb, dass wir uns nun treffen können. Ich erklärte ihm, dass so was bei mir nicht funktioniert, er schrieb „okay“ und blieb für immer stumm. Naja, für ca. eine Woche. Da meldete er sich dann mit einem konkreten Vorschlag zurück. Wow. Geht doch.

 

Wir wollten uns mittags auf einen Kaffee treffen. „Wo und wann können wir dann ja morgen Vormittag besprechen.“ Argh … aber okay. Es regnete, weswegen ich keine Lust hatte in seinen Stadtteil zu laufen und lockte ihn in meinen. Wir wollten uns an der Haltestelle treffen, die von zahlreichen Cafés umgeben ist. Ich war zuerst da und nur wenige Momente später, fuhr seine Bahn ein. Er stieg aus, sah mich sofort und begrüßte mich mit einem neutralen „hi“. Kein Lächeln, keine Umarmung, kein gar nichts. Oookay.

 

Er war recht groß, recht tätowiert und hat auch recht viele Piercings im Gesicht. Hmm … auch nicht so unbedingt meins, aber besser als die geschniegelten Spießer von den letzten Malen. Weil das eine Café, wo ich eigentlich hin wollte, voll war, schlug ich andere vor. „Lass uns ins Café xy gehen. Die haben gute Sachen.“ Zum Glück schien er entscheidungsfreudig zu sein. So etwas mag ich nämlich gar nicht. Also, wenn jemand keine Entscheidungen treffen kann. Zumindest keine leichten. Und sich für ein Café zu entscheiden, war ja leicht.

 

Wir liefen zu dem Café und wegen der Mittagspause war es relativ voll, aber wir fanden einen kleinen Tisch und der aufgedrehte Kellner brachte uns sofort ein paar Karten. Ich bestellte mir einen Milchkaffee. Er hatte noch nichts gegessen und bestellte sich irgendwas Veganes. Bis das Essen kam, erzählte er. Sehr leise, weil die jungen Studenten am Nebentisch so nah saßen. Wir redeten über unsere Joyclub Erfahrungen und endlich bin ich mal nicht sein erstes Date darüber. Tatsächlich hatet er schon viel erlebt und konnte viel berichten. Um genaueres zu erzählen, setzte er sich direkt neben mich, damit er nicht so laut sprechen musste. Die Studenten neben uns aßen nämlich einfach nur. Sie redeten nicht und konnten jedes Wort verstehen. Aber er wollte mir unbedingt von seinen Erfahrungen über die Sklavenzentrale erzählen. „Das ist nicht so meine Szene, aber du kannst gerne darüber berichten“, sagte ich. Nicht, dass er sich direkt vorstellte, dass ich auch so was machen will. Irgendwann lief ich auf die Toilette, kam wieder und legte meine Hand auf den Tisch. Direkt neben seine. Ohne Hintergedanken. Er nahm sie direkt und streichelte darüber.

 

Hm. Ich weiß noch nicht, was ich davon halten soll. Er hat aufgegessen und will spazieren gehen. „Aber es regnet!“ Also bleiben wir sitzen. Die anderen Gäste sind inzwischen gegangen. Jetzt muss man ja nicht mehr so leise reden. Wir bleiben also noch etwas bis es aufgehört hat. Er bezahlt und wir laufen ein wenig durch die Gegend. Irgendwann nimmt er meine Hand. Hm … ich weiß immer noch nicht, was ich davon halten soll, lasse es aber einfach mal zu. Dann bleibt er stehen, zieht mich zu sich und küsst mich ganz spontan. „Hihi! Jetzt habe ich dir einen Kuss geklaut!“, sagt er und ich muss spontan an Hayat denken, weil ich direkt davor ihren neuen Post gelesen habe, in dem ihr Arzt sie noch nicht geküsst hat. In meinem Fall hat er es einfach gemacht und das finde ich grundsätzlich gut. Wir laufen noch ein wenig durch die Gegend bis wir an der Post vorbei kommen und ich daran erinnert werde, dass ich unbedingt noch Sachen verschicken muss. Aber das hatte ja noch etwas Zeit. Also laufen wir weiter. Immer wieder bleibt er stehen, nimmt mich, küsst mich und lässt mich wieder los. Es ist okay. Sonst würde ich mich ja dagegen wehren, aber ich weiß immer noch nicht, ob er mir wirklich so sehr gefällt.

 

Irgendwann landen wir wieder an der Post. Ich führe uns die ganze Zeit, weil er sich in dieser Gegend nicht auskennt. Und nun beschließe ich, dass ich wirklich dringend nach Hause muss. Ich zeige ihm noch den Weg zur Haltestelle, wir verabschieden uns und als ich Zuhause ankomme, sehe ich, dass er mir bereits geschrieben hat: „Du hübsches Ding“. Ähm ja. Danke.

 

Danach kamen alle paar Tage erneut diese kryptischen Nachrichten bis er irgendwann in der Nacht fragte, ob wir uns die Tage noch mal wieder sehen wollten. Ich wusste immer noch nicht so genau, ob ich das wollte, konnte mir aber vorstellen, dass es mit ihm ziemlich gut und aufregend werden könnte und stimmte zu. Wir vereinbarten Ort und Zeit, aber ich musste wieder absagen, weil sich pünktlich mein Unterleib mit Krämpfen meldete. Vielleicht war das ein Zeichen und etwas (mein Unterleib) wollte mir damit sagen, dass ich ihn doch nicht so gut fand.

Joyclub Dating 2.0 Teil 3

 

Bis zum nächsten Date vergingen Wochen. Wieder traf ich wen aus meiner Stadt. Wieder wen in meinem Alter. Er wollte sich bereits um 17 Uhr treffen. Ich machte 19 und dann 20 Uhr daraus. Wir trafen uns vor einem Irish Pub. Er gefiel mir auf dem ersten Blick nicht wirklich. Aber vielleicht würde sich das ja noch ändern. Wir fanden keinen Platz und liefen woanders hin. Auch da war alles voll. Also steuerten wir die nächste Kneipe an, die noch nicht voll war. Dort traf er auf zwei Kollegen. „Mit dem einen wollte ich heute eigentlich was trinken gehen, habe ihm dann aber doch gesagt, dass ich nicht kann. Oops…“ Ihm war es unangenehm, weil wir direkt in deren Blickfeld saßen und sie nun den wirklichen Grund für seine Absage kannten. Wir bestellten Bier und ich fand heraus, dass ich sein allererstes Blind Date war. Er wollte das einfach mal ausprobieren. Er wollte vieles mal ausprobieren. Das Gespräch war nett, aber irgendwann waren die Themen durchgekaut. Schnell merkte man, dass da nicht besonders viele Gemeinsamkeiten waren. Schnell merkte ich, dass ich mir nicht vorstellen konnte, wie der irgendwann mal in meinem Bett liegen würde. Irgendwann bemerkte ich, dass seine Kollegen verschwunden waren und erwähnte es. „Also du triffst dich mit jemanden auf einen Drink und dann überlegt man, ob man es an einem anderen Tag fortsetzen würde?“ „Ja, genau.“ Man merkte wie er überlegte. „Wärst du mir böse, wenn ich jetzt gehe und meine Kollegen noch einhole und mit denen weiterziehe?“ Okay. Das war abrupt. Das war unerwartet. Aber das war okay. Wahrscheinlich hätte ich an seiner Stelle das Gleiche gemacht. Ich war im ersten Moment etwas verwirrt, deswegen erklärte er, dass wir beide wohl gemerkt hätten, dass es sowieso nicht passen würde und wir daher auch keine Zeit verschwenden müssten. „Du siehst nicht glücklich damit aus.“ „Ich würde mir nur doof vorkommen, wenn du mich hier jetzt einfach sitzen lassen würdest und wir nicht zusammen rausgehen.“ Also trank er noch brav sein Bier mit mir aus, wartete bis ich fertig war und bezahlte dann an der Theke.

Wahrscheinlich wäre der Abend anders ausgegangen, wenn ich Sex nicht so deutlich ausgeschlossen hätte. Wahrscheinlich wäre er aber unbefriedigend und einmalig gewesen. Und wahrscheinlich hätte man ihn nur mitgenommen, weil es möglich gewesen wäre und man ja keine Gelegenheit verstreichen lassen sollte. Aber sehr wahrscheinlich ist eine Folge Gilmore Girls und Pistazieneis viel besser als unterdurchschnittlicher Sex, den man nicht wiederholen will.

 

Und jetzt warte ich auf Mr Glühwein. An sein Nasenpiercing habe ich mich inzwischen gewöhnt. Wahrscheinlich nur so lange bis da ein Ring durch kommt. Aber dafür darf ich ihm die Haare flechten und er bringt immer Alkohol mit. Und ich muss mir nicht die ganze Zeit denken, dass meine Zeit mit den Gilmore Girls viel besser wäre.

Joyclub Dating 2.0 Teil 2

 

Ich traf mich also mit dem Profiltextdieb zum Abendessen. Ist jetzt nicht unbedingt meine Idealvorstellung für ein erstes Treffen, weil das lange dauert, weil man direkt viel Geld ausgeben muss und weil man überhaupt etwas finden muss, auf das beide Lust haben. Aber ich wusste, dass ich an dem Tag bis kurz vorher unterwegs war und es nicht schaffen würde, vorher zu essen. Also war das einfach praktisch. Er schlug eine Reihe teurer und exklusiver Restaurants vor … „da geht nur die High Society hin … und da kommt man ohne Reservierung gar nicht erst rein … das sieht von außen immer sehr exklusiv aus … die haben in irgendeiner Show gewonnen … blabla.“ Ich entschied mich am Ende für irgendeinen Griechen. „Da ist das sehr familiär. Es schmeckt großartig und ist recht günstig. Aber ich weiß nicht, ob es das Richtige ist, um eine schöne junge Dame auszuführen.“ Passt schon. Ich wollte weder selbst zu viel Geld für irgendein Essen zahlen, was am Ende schlecht läuft und womöglich langweilig wird, noch wollte ich mich von ihm zu einem teuren Essen einladen lassen, wenn ich ihm an Ende langweile.

 

Wir trafen uns vor dem Griechen. Er war groß, hatte schöne Arme, aber irgendwie ein komisches Gesicht. Er war freundlich, höflich und stinklangweilig. Und starrte bei jeder Gelegenheit auf meine Brüste. Da war nicht mal was zu sehen, weil ich gar keinen Ausschnitt trug. Er redete wahnsinnig langsam. Ich rede im Gilmore Girls Tempo und bei ihm klingt das so, als ob irgendwer die Slow-Taste betätigt hätte. Er hatte Mathe, Physik und noch irgendwas anderes abgedrehtes studiert, promoviert und arbeitete nun für irgendein Unternehmen. Daher war er unter der Woche in einer anderen Stadt und am Wochenende in meiner. Auch nicht so ideal. Das Essen war lecker. Er bestellte zwei große Bier und trank am Ende auch noch meinen Ouzo, weil ich zu dem Zeitpunkt auf Alkohol verzichtete und sprach dadurch wohl etwas schneller. Aber immer noch halb so langsam wie ich. Insgesamt war es also durchwachsen. Wir verabschiedeten uns, er bot nicht mal an mich nach Hause oder zur Bushaltestellte zu begleiten (das fällt mir nur auf, weil er der Erste war, der das nicht gemacht hat), wollte dafür aber Handynummern austauschen, was ich ablehnte und machte mir im Weggehen noch ein Kompliment für mein Outfit.

Am nächsten Tag hatte ich eine lange Mail von ihm. Ich erwartete eine ausführliche Erklärung darüber, warum wir das nicht wiederholen sollten. So etwas steht ja meistens in langen Nachrichten. Stattdessen ging er detailliert auf mein Aussehen ein und was ihm daran alles gefallen hat. In der Mail waren sicherlich zehn Komplimente. Puh. Nett war das. Übertrieben aber auch. Ich antwortete erstmal nicht. Noch nicht. Schließlich verdiente eine lange Mail auch eine lange Antwort. „Ich hoffe, dass ich damit nicht zu dick aufgetragen und dich vertrieben habe.“ Schickte er noch hinterher. Doch, eigentlich schon. Nachdem mir auch nach zwei Tagen nichts eingefallen war, was ich darauf erwidern könnte, bedankte ich mich einfach nur. „Ich mache gerne Komplimente, wenn es an die Richtigen geht. Ich würde dich gerne am kommenden Samstag wieder sehen.“ Ach Gott. Wie komme ich da bloß wieder raus. Wie vergibt man einen Korb an jemanden, der doch eigentlich so nett ist? Andere würden ihn einfach ghosten, aber das ist mies. Ich habe ebenfalls gar nichts gemacht. Ok doch. Ich habe zugesagt, weil ich nicht wusste, was ich sonst machen sollte.

 

Außerdem dachte ich mir, dass ich ihn ja vielleicht bei einem zweiten Treffen etwas anziehender finden könnte. Wer weiß. Also stand ich eine Woche später vor seiner Haustür. Wir wollten was Essen. Weil ich noch keinen Hunger hatte, sollte ich erstmal zu ihm kommen, um dann zu überlegen, ob wir was kochen, bestellen oder Essen gehen. Ich stand vor einem Wohnheim. Genau an der Pokémon Arena, die ich seit Tagen versuchte Gold zu färben. Mist. Ich musste immer durch den Hinterhof laufen, wenn ich zur nächsten Arena wollte. Und da wohnte der also? Hoffentlich würde das am Ende nicht schlecht ausgehen, sonst würde ich die nie Gold bekommen.

 

Ich fand seine Klingel nicht und schrieb, dass ich nun da war. Die Tür ging auf, ich lief die paar Stockwerke hoch und er begrüßte mich schon im Treppenhaus. Hmm … letztes Mal entschied er sich für ein Hemd. Heute trug er ein T-Shirt und wirkte nun noch unattraktiver auf mich. Das hatte schon mal nicht geklappt. Wir liefen in die Küche und beim Betreten der Wohnung konnte ich in ein Zimmer sehen. Das war extrem hässlich eingerichtet und in der Ecke stand ein Einzelbett. Hoffentlich war das nicht sein Zimmer. Doch, natürlich war das sein Zimmer. Wozu auch eine teure Wohnung suchen, wenn er eh nur am Wochenende in der Stadt war und sonst in schicken Hotels wohnt. Ich sehnte mich schon jetzt nach meinem wunderschönen Zimmer.

 

Wir entschieden uns dafür einen Film zu gucken bis ich Hunger bekam und dann entweder etwas zu bestellen oder zu holen. Weil er den Jugendcode für den Account nicht kannte, konnten wir den eigentlichen Film nicht schauen und ich schrie auf, als ich „Findet Dorie“ in der Liste sah. Den wollte ich schon lange sehen und hatte die perfekte Länge. Also machte er den Film an und wir saßen beide auf seinem Einzelbett. Auf der langen Seite. Mit Abstand dazwischen. Nicht auf der kurzen. Und es passierte nichts. Zum Glück. Denn den Film wollte ich wirklich sehen und außerdem fand ich ihn weiterhin nicht ansprechend. Irgendwann knurrte mein Magen und seiner auch. Der Film war zu Ende und ich musste das hier auch irgendwie zu Ende bringen. Aber ich hatte Hunger. Und er auch. Also beschlossen wir, was zu essen. „Wir können ja was bei der Pizzeria um die Ecke holen gehen und hier dann noch einen Film gucken.“ „Wir können das auch einfach dort essen.“ „Ja, können wir auch.“ Da würde ich leichter eine Ausrede finden, um nach Hause zu gehen. Aber die brauchte ich gar nicht. Wahrscheinlich bestrafte mich auch das Karma, dass ich das hier überhaupt unnötig in die Länge zog, aber ich biss auf irgendwas Hartes und hatte Zahnschmerzen und dadurch Kopfschmerzen. Und er hatte keine Schmerztabletten Zuhause. Aber ich. Also war die logische Konsequenz, dass ich nach Hause gehen muss. Das Essen war extrem … still. Ich stellte oberflächliche Fragen, er erzählte. Und stellte keine Gegenfragen. Und dann werde ich extrem passiv und habe keine Lust auch nur irgendwas zu erzählen, weil ich denke, dass es meinen Gegenüber eh nicht interessiert. Sonst würde er ja nachfragen.

 

Also verabschiedeten wir uns. Wieder bot er nicht an, mich zur Bushaltestelle oder nach Hause zu begleiten. Wieder schrieb er mir eine detaillierte Bewertung zu meinem Outfit (was ist nur los mit dir?). Und wieder wollte er diesen schönen (?!) Abend wiederholen. Am liebsten schon am nächsten Tag. Aber ich hatte andere Pläne. Er schrieb mir weiterhin. Meine Antworten waren knapp. Er schickte mir Bilder von seinem Hotel und schrieb mir, wie schön es wäre, wenn ich da jetzt in seinem großen Bett liegen würde. Ich antwortete, dass ich krank bin und ging nicht weiter darauf ein.

 

Tage später war ich wieder gesund, stand unter der Dusche und beschloss, dass jetzt der Tag gekommen war, an dem ich ihm einen Korb geben musste. Als ich auf mein Handy schaute, war eine Nachricht von ihm da. Er will mich wiedersehen, aber er ist sich nicht sicher, ob ich das auch will. Uh, der machte mir das jetzt aber besonders leicht. Also antwortete ich, dass ich das nicht will. Aus diversen Gründen. Und er bedankte sich dafür, dass ich so ehrlich bin und er jetzt Sicherheit hat. Wenn das immer so friedlich und höflich ablaufen würde, hätte nie jemand dieses dämliche Ghosting erfunden.